Dr. Lechleiters Fishcare

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Kann ein Koi Kohlehydrate bei Wassertemperaturen unter 8°C verdauen?

Die Diskussion, ob nun stark aufgefettetes oder eher kohlenhydratreiches Futter für Koi bei Wassertemperaturen unter 8°C besser sei, kann man zunächst auf die Frage reduzieren, was denn bei 8 °C und weniger überhaupt noch im Verdauungstrakt der Fische stattfindet und welcher Verdauungsweg wohl der günstigere sei.

Grundsätzlich funktioniert die Verdauung von Kohlenhydraten und Fetten über hierfür spezialisierte Enzyme. Dabei sind die Lipasen für die Fette zuständig, die Carbohydrasen für die Kohlenhydrate. Bei der Verdauung von Fetten ist jedoch ein Schritt mehr erfoderlich, denn diese müssen zusätzlich emulgiert werden, damit die wasserlöslichen Enzyme ausreichend Kontakt mit den Fetten bekommen. Die Enzymaktivität ist natürlich immer temperaturabhängig, und bei 8°C ist sie in beiden Fällen recht gering. Wer einmal versucht hat, mit Salatöl aus dem Kühlschrank eine Salatsoße anzurühren, der hat praktische Erfahrung mit Ölen und ihrer Konsistenz bei 6 °C. Ein gründliches Emulgieren ist bei niedrigen Temperaturen reichlich aufwändig. Und dies erschwert die Verdauung größerer Fettsäurenmengen sehr.

Im Gegensatz zu Forellen können Koi Kohlenhydrate gut verdauen. Diese Tatsache hat den Karpfen in der ehemaligen DDR zum "Brotfisch" gemacht und für eine exzellente wissenschaftliche Forschung auf dem Gebiet der Karpfenernährung gesorgt. Von den damals erarbeiteten wissenschaftlichen Grundlagen profitieren wir bis heute.

Doch man kann heutzutage auch Forellen mit erheblichen Kohlenhydratanteilen im Futter ernähren. Das liegt an einem neueren Verfahren zur Behandlung des Futters, dem Extrudieren. Im Extruder werden nicht nur die Kohlenhydrate durch Hitze ("Kochen") aufgespalten, sondern sie werden zudem unter Druck gesetzt. Dadurch werden die Kohlenhydrate so gut aufbereitet, dass sie sogar von Forellen verdaut werden können, obwohl diese überhaupt keine Carbohydrase bilden können. Für Koi ist die Verdauung der "gecrackten"  Kohlenhydrate eines extrudierten Futters absolut kein Problem.

Für die Fütterung von Koi mit Futtermitteln mit einem höheren Anteil an geeigneten und entsprechend behandelten Kohlenhydraten bei Wassertemperaturen unter 10°C spricht daher einiges. Durch das Aufbrechen der längerkettigen Kohlenhydrate im Extruder muss der Fisch nur wenige Verdauungsenzyme zur Aufspaltung der Kohlenhydrate einsetzen. Denn sonst würde es bei Forellen - die solche Enzyme gar nicht besitzen - ja gar nicht funktionieren können. (Diese leben übrigens in vielen Forellenzuchten einen Großteil des Jahres bei Wassertemperaturen um die 10 °C.)  Bei der Fettverdauung muss der Koi im Gegensatz hierzu erst emulgieren und dann auch noch enzymatisch aufspalten. Das ergibt insgesamt einen deutlich höheren Aufwand und damit eine erheblich höhere Belastung des Fischorganismus. Aber gerade im Winter sollte man den Fischen das (Über-)Leben so einfach wie möglich machen.

Allein mit der Verdauung ist es jedoch nicht getan, denn nun muss die Energie noch über den Blutkreislauf an die Verbrauchsorte gebracht und dort aufgenommen werden. Und hier sind Kohlenhydrate (Zucker) wiederum im Vorteil, unter anderem, weil bei ihrer energetischen Verwertung in den Zellen kein Sauerstoff verbraucht wird. Aber das ist ein weiteres Thema.

Unter dem Strich kommt das heraus, was man schon immer wußte: Alle Nahrungsbestandteile zusammen ergeben eine mehr oder weniger verdauliche und gesunde Ration. Es geht nicht vollständig ohne Öle und Proteine, aber man kann mit aufgeschlossenen Kohlenhydraten eine hervorragende Verdaulichkeit und Unterstützung des Energiehaushaltes erreichen, gerade bei ungünstigen Wassertemperaturen.

Aber auch hier gilt ohne Einschränkung: Überfüttern ist immer schädlich, und das geht mit allen Futtermitteln und mit allen Inhaltsstoffen! Deshalb ist es zumeist wenig sinnvoll, nach wissenschaflichen Kriterien zusammengesetzte Futtermittel "nach Hausrezept" mit weiteren Zusätzen anzureichern.

 

 

 

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